Bisexualität professionell

Als „Papa Freud“ in den 1920er Jahren feststellte, dass jeder Mensch „bisexuell angelegt“ sei, war das für viele Zeitgenossen so noch nicht fassbar.

Auch die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft, die sich kurz nach Freuds Ausreise nach London und dem Ausschluss verbliebener KollegInnen  als „judenrein“ erklärte, machte schnelle Rückschritte für den „Zeitgeist“ und erklärte, homosexuelle Menschen wären für den Beruf des Psychoanalytikers „nicht reif genug“. Das galt bis in die 1980er Jahre, bis ein Arzt sein Coming out auf einem Kongress öffentlich machte.

Bis heute sind Mediziner überfordert, und eine Besucherin beim Bisexuellen Stammtisch München, getrennt lebend und mit Kind, die ihrem Arzt von ihrer neuen Liebe zu einer Frau erzählt hatte, bekam von ihm den Hinweis, dass das wohl etwa 500 Stunden Psychotherapie erfordern würde.

Sie konnte es nicht als Witz einordnen und machte sich ernsthaft Sorgen, was an schwieriger Krankheit mit der Bisexualität verbunden wäre, bis sie in unser ungläubiges Lachen einstimmen konnte.

So manche Spontan-Heilung dieser Art hat der Stammtisch in den gut 20 Jahren seines Bestehens vollbracht, und von Augenarzt bis Meditationslehrer, TechnikerInnen und Krankenpflegenden waren allerlei Berufe vertreten, sofern das Thema war, denn das Beziehungsleben stand immer im Vordergrund.

Die Ehe und die Kinder, das Haus und der Familienbetrieb, alle scheinbar geregelten Formen können in Unordnung geraten, wenn eine neue Liebe auftaucht. Die bange Frage, wie reagiert mein(e) PartnerIn, lässt sich nur aus den bisherigen Erfahrungen und bei großer Angst mit den bisherigen Vorgehensweisen lösen: Gespräche finden, Anknüpfungspunkte, Vertrauen schaffen.

Die Treue zur bestehenden Beziehung und die dortige Liebe kann auch die Basis für die zukünftige Lebensform sein: Ehrlichkeit und Offenheit wieder finden, auch den gemeinsamen Besuch des Stammtisches hatten wir schon öfters, und bei manchen ist die Möglichkeit, gemeinsam darüber zu sprechen und von anderen Möglichkeiten zu träumen, für’s Erste schon genug.

Andere sind an komplexeren Verhältnissen wie Polyamor Leben und Beziehungen ohne Besitzanspruch,

Professionell erfragen

Niemand hat in seiner Ausbildung gelernt, solche Themen mit Klienten und Patienten anzusprechen, und wenn sie die Unklarheit bedrückt, wissen sie noch kaum die Worte dazu.

In der Öffentlichkeit wird die Bisexualität meistens schnell abgetan: Manchmal ganz freundlich, wie „ein bisserl bi schadet nie“, manchmal abschätzig, wie oft aus lesbisch / schwulen Kreisen „auf so was würd‘ ich mich nie einlassen!“

Die Zeitungs-Darstellungen diverser Schlagersternchen kommen für die gestandenen Menschen auch nicht in Frage: Was im Tratsch den Marktwert verdoppelt, ist für uns nicht alltagstauglich: Als Frau die Schlampe, als Mann der untreue Betrüger: Keine Bilder, mit denen sich gut leben lässt.

Professionell begleiten

Schon Kinsey bemerkte in seinen Studien in den 1950er Jahren, dass bei vielen Frauen und Männern die Orientierung um die 30, wenn Familie, Haus und Kinderwunsch geklärt erscheinen, noch einmal in Bewegung kommen kann.

Ähnlich ist es bei Hormon-Veränderungen, und auch die aktiv / passive Rolle in der Sexualität kann sich entsprechend Alter und Stimmung noch einmal sehr verändern.

Am Stammtisch pflegen wir auch die Kontakte mit den angrenzenden Gruppen von VivaTS und TransMann  denn auch bei allen Hormon-Behandlungen ist die sexuelle Orientierung möglicherweise in Veränderung, was manche in der Konzentration auf ihre Geschlechts-Rolle zuerst so nicht wahrnehmen (wollen) sowie den Polyamoren, deren Erfahrungen neue Horizonte erschließen können.

Die Gruppe der Schwulen Väter im sub ist eine frühe Form der Wandlung, zu der es im Waldschlösschen auch zwei mal im Jahr große Treffen gibt, das bundesweite Netzwerk www.bine.net veranstaltet ebenfalls Treffen, meistens im Norden oder in der Mitte Deutschlands, eines davon wohl nur für Frauen.

Die Bewegung ist im englisch-sprachigen Raum sehr viel stärker: bisexual.org hat alle Links …

Home

www.sexualpaedagogik.wikispaces.com

alte Seiten zur Geschichte: home.arcor.de/letsch/bi.htm

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Selbsterfahrung & Selbsthilfe

In der Gesellschaft herrscht in vielen Bereichen noch ein falsches Bild der Selbsthilfe und der Selbstorganisation: Sogar Profis der sozialen Arbeit haben oft noch alte Vorstellungen:

Da im Selbsthilfezentrum München die Breite und Menge der Gesundheitsgruppen riesig ist, von seltenen Krankheiten bis zu Volks-Krankheiten, mit immer hervorragend aktuell Fortgebildeten zu Angst bis Zöliakie (Gluten-/Weizen-Unverträglichkeit), gibt es im Herbst Treffen der Gruppen, die Interesse an öffentlicher Darstellung haben.

Dazwischen gibt es eine Menge Themen, die eher diskret abgehandelt werden wollen, wie Depressionen (Gruppen aller verschiedenen Altersschichten) Messis, und überall in der Stadt in Gemeinde- und Altenzentren finden sich die vorbildlichen AAA-Gruppen.

Nie gesehen? Das diskrete Schild AAA steht für die Treffpunkte der Anonymen Alkoholiker, die mit ihren „12 Schritten“ einer großen Bewegung der anonymen Gruppen wie zu Spielsucht etc. als Vorbild dienten.

Alle Arten von Krisen sind mit der Zeit den ehrenamtlichen Gruppen-Leitenden vertraut, daneben können diese bei Interesse an Supervision teilnehmen. Regelmäßig gibt es neue Gruppen wie zB. für Kriegskinder / Kriegsenkel / Flüchtlingskinder, die eigene Reaktionsformen und -Muster austauschen, und eine Rundmail „einblick“ an viele Beratende und Interessierte.

Die weite Gruppe der sozialen Selbsthilfe oder Selbstorganisation ist oft weniger im Blick, hat aber in den Nachbarschaften und politischen Entwicklungen, für Migrierte und andere Interessengruppen große Bedeutung: Das Verzeichnis ist auf den Webseiten zu durchstöbern.

Aber auch frühere Gruppen können wieder gestartet werden, wie die Selbsterfahrungs-Gruppe der Bisexuellen, die Anteile der eigenen Angst und zu den Bedenken in Beziehungen besprechen können.

Die aktuelle Einladung wird mit den Mitarbeitenden der Kontaktstelle erarbeitet und verbreitet, das Programm entsteht dann aktuell aus der Gruppe der Anwesenden, und die Dauer und Teilnahme bleibt natürlich freiwillig, die Anleitung kann mit der Zeit wechseln.

Daneben gibt es den monatlichen Stammtisch zum Kennenlernen und im Herbst vielleicht auch eine Kulturgruppe, die sich nach Interessen per Mail verabredet.

Eine kleine politische Gruppe wird sich vom Stammtisch aus um die öffentliche Sichtbarkeit und Vertretung kümmern, vielleicht wächst dann auch wieder die Zusammenarbeit mit dem Bundesverband www.bine.net, in dem Wochenendtreffen und Tagungen, die Zeitschrift bijou und der Vertrieb der schönen Doppel-Halbmonde organisiert werden.

Informationen und Teilnahme an internationalen Treffen wie in Amsterdam … regen natürlich weitere Treffen an, wie die gemeinsamen Teilnahmen an CSDs wie in Köln, Stuttgart und Nürnberg.

Für den Start der Selbsterfahrungsgruppe im Herbst 2016, Interessensbekundung an das www.shz-muenchen.de oder unten oder an bimuc@Joker-Netz.de