Hans „hatte etwas Faszinierendes“

Jahrzehnte lang war die Bisexualität von Hans Scholl ein Familien-Geheimnis, das auch die HistorikerInnen hüteten, und nur kleine Andeutungen ließen Schlüsse zu,

nun lüftet ein Hamburger Biograf von Hans Scholl die damals peinlich verschwiegenen Seiten, denn die Verfolgung wegen §175 war ja in der post-faschistischen Bundesrepublik der 1950er und 60er Jahre weiter gegangen.

Bis heute ist Bisexualität ein schwieriges Geheimnis vermeintlicher Unmoral, wie es die Homosexualität bis in die 1990er Jahre war (und für manche bis heute ist).

Flamme werden

Der Einfluß von Stefan George in den Kreisen der Wandervogel-Bewegung wirkte: Gedichte schreiben, feierliche Methaphern gebrauchen …

Flamme werden - Lagerfeuer

Wer je die Flamme umschritt.
bleibe der Flamme Trabant!
Wie er auch wandert und kreist:
Wo noch ihr Schein ihn erreicht,
irrt er zu weit nie vom Ziel.
Nur wenn sein Blick sie verlor,
eigener Schimmer ihn trügt:
Fehlt ihm der Mitte Gesetz,
treibt er zerstiebend ins All.

Stefan George, (1868 – 1933) In: Der Stern des Bundes

Es gibt wohl kaum jemanden in der historischen Jugendbewegung, den diese Verse Stefan Georges nicht gepackt hätten.

Die Trabanten

Auch unter den Anarchisten und Dichtern in Friedrichshagen gab es „Trabanten“: Der Kreis um die Freie Volksbühne in Berlin lebte zum Teil weit draussen im Osten, an der Bahn-Station der Schlesischen Eisenbahn am Müggelsee.

Einst ein königlich aufgebauter Vorort für Seidenraupen und Spinnereien, die Maulbeer-Bäume stehen noch in Alleen, wurde es ein Domizil freiheitlich denkender Künstler, Dichter, Grafiker, Literaten, Maler und Verleger, die schon früh aus dem kaiserlich-preussischen Militarismus ausbrachen, wo auch Erich Mühsam und Gustav Landauer, Wilhelm Spohr und Magnus Hirschfeld wohnten oder bei Freunden verkehrten

„Auf großer Fahrt“ bis Lappland

Vom Monte Verità gab es eine Denk- und Lebensreform-Bewegung durch die revolutionären Gruppen bis in die Wandervogel-Gruppen der 1920er Jahre, die bis zur Gleichschaltung 1934 und zur Verfolgung durch die Nazis nicht nur durch ganz Europa trampten, sondern auch neue Formen von Bewegung, Tanz und Theater, Gymnastik und Sport mit Kanu und Fotografie, Naturbeobachtung, romantischen Liedern zu Laute und Klampfe austauschten und pflegten.

Ganz nebenbei entstand im anarchistischen Denken die Ablösung der Person von der fixierten Familien-Tradition, in der demokratischen Entwicklung eine neue Sicht auf die Formen des gemeinsamen Forschen und Lernen, die Aufnahme der Ideen der Psychoanalyse bis zur Frage der Freien Liebe und der sexuellen Freiheit, die Fanny Reventlow als erste „öffentliche Alleinerziehende“ propagierte..

Der Wandervogel Hans Scholl

war ein teil der zwar offiziell gleichgeschalteten, aber untergründig wirkenden dj1-11 die deutsche jugendbewegung 1-11, die sich am 1.11.1929 gegründet hatte.

1937 hatte er Anklagen wegen „bündischer Betätigung“, die nach der Gleichschaltung verboten war, wegen §175, worin ihn wohl sein Freund

Medizinstudent und Alexander Schmorell

Hans Scholl studierte mit dem Sohn einer Russin, die bald nach seiner Geburt gestorben war und Vater Schmorell ging mit seinem Sohn zurück nach München:

dreiamzaun

und noch ein Wandervogel: Willi Graf aus dem Saarland kam aus dem Grauen Orden, einer katholisch geprägten Wandervogel-Gruppe.

„Nach den Konzertbesuchen gingen die Studenten oft noch in ein Lokal, um in einer Ecke leise zu diskutieren, über Musik, Politik, Literatur. Wenn Leute in der Nähe saßen, waren sie natürlich vorsichtig. Aber als Gleichgesinnte, die gegen die Nationalsozialisten waren, „hatte man seine Tastinstrumente“, sagt Regina Degkwitz: Wer etwa Adalbert Stifter las, „konnte unmöglich Nazi sein“. Auch wer übertrieben von „unserem über alles geliebten Führer“ sprach, war mit ziemlicher Sicherheit ein Gegner des Regimes. An einem dieser Abende lernte Regina auch Sophie Scholl kennen, die erst kurz zuvor in München angekommen war und zunächst bei dem Publizisten Carl Muth wohnte, ehe sie mit Hans Scholl zusammenzog. „Sie war sehr still und schüchtern“, erinnert sich Regina Degkwitz. Ganz anders als Hans, er „hatte etwas Faszinierendes“.

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/zeitgeschichte-weisse-rose-zeitzeugin-spricht-ueber-beruehmtes-foto-1.3823217

Schwieriges Gedenken

Viele führende Faschisten waren ab dem „Ende der Entnazifizierung“ wieder an allen Stellen in Beamten-und Richterfunktionen: Das große Schweigen begann, denn jeder konnte wieder belangt werden, entweder für Vergangenes oder für abweichende Gedanken.

Postfaschismus 1950-1980: Verweigerung angemessenen Gedenkens

In den verstaubten Kulturen waren immer noch die Heldengedenken die einzige Tradition, die Frauen, Deserteure, Kommunisten und Widerständler blieben untere Kategorie, auch in den Kirchen, die ihre Fähnchen längst auf „unschuldig“ umgefärbt hatten, sogar ein paar Widerständler in in Reihen entdeckten und für selig erklärten.

Alt-Faschisten an der Universität: CSU-Kultusminister Mauntz

Die Juristerei hatte – wie die Medizin – immer nur das Beste gewollt und erklärte sich selbst für unschuldig, bis Fritz Bauer den Schleier zu zerreissen begann. An den Universitäten saßen noch etliche Professoren, die von unruhig werdenden Studierenden konfrontiert wurden, doch der eingesessene Haufen hatte noch wenig Einsicht:

„Unter den Talaren, Muff von 1000 Jahren“

ist eien Aufgabe bis heute, denn einige Instituts-Historiker wollen die Ereignisse wie die Bücherverbrennung zu studentischen Ausschreitungen herunterspielen, „an denen die Hochschule nicht beteiligt gewesen wäre“. Sie war zentral beteiligt …

Ein Mann der Extreme: Leonard Bernstein

„… der mit seiner ausgelebten Bisexualität seine Familie auf eine extreme Bewährungsprobe stellte.

Ausgeprägtes Sendungsbewusstsein, pädagogisches Feingespür unermüdliche Experimentierfreude, der unbedingte Wunsch nach Anerkennung, nach größtmöglicher persönlicher Freiheit, ein ausgeprägter Geschäftssinn, aber auch der Wille etwas für die Ewigkeit zu schaffen, das sind nur einige der Eigenschaften, die Bernstein zum Erfolg geführt haben, so Müller.“
29.05.2018 von Dorothea Hußlein in:

https://www.br-klassik.de/aktuell/br-klassik-empfiehlt/buecher/buch-tipp-sven-oliver-mueller-bernstein-der-charismatiker-100.html

Leonard Bernstein bei Reclam

Vielleicht eine aktuell typische Herangehens-Weise, nun nach den Beschreibungen von Talent und Charakter auch Depressionen und eine Bemerkung zu einem „bunten“ Familienleben  einfließen zu lassen.

Früher hatten Künstler-Persönlichkeiten grundsätzlich solche Krisen und Lebensformen, heute braucht der Konzert- und Kunstbetrieb bis hin zum politisch korrekten Verhalten allerdings zuverlässige Persönlichkeiten.

Das Geschäft hat längst den Kunstgeschmack mit samt den KritikerInnen übernommen, und die Blase der teuren Konzerte gibt Sicherheiten für die bezahlenden Gäste, Kunstgenuss, oft staatlich und städtisch als Orestige subventioniert.