Münchner Szenen entwickeln sich …

Kurzer Überblick über die Münchner Szenen seit 150 Jahren (K.H.Ulrichs) und ihre aktuelle Entwicklung und Diversifizierung, bis zu Bi, Jugendlichen, qties, trans und inter, und die Frage, in Bayern offen damit um zu gehen: Städtisch, ländlich, beruflich, in Hierarchien …

Zur Wies’n herrscht das Hetero-Klischee

Buch "Es gibt noch viel zu tun"
http://querverlag.de/books/Es_gibt_noch_viel_zu_tun.html

Dirndl und Lederhosen hatten wir immer für seniorig und kitschig gehalten, und die „kultige“ Wiedergabe bis in die geschmacklosesten AfD-Plakate in Sachsen-Anhalt konkurriert mit den Schatzi- und Aldi-Dirndln und Lederhosen um die schrägsten Kombinationen.

Es ist ein Integrationsfaktor für die jungen Münchner mit anderen Eltern- und Länderwurzeln, und ganz Gruppen schnell-verkleideter Geschäftsleute glauben den Verkäufer-Zauber, „man“ brauche das zum Vergnügen: Szenen mit Wegwerf-Ware.

Dabei sind die wildesten Verehrer der Aufzüge eine wilde Mischung:

Vom schwulen Leder-Club bis zum Trachten-fördernden Ministerpräsidenten über all die Wies’n-Bedienungen, die zum Teil sogar ganzjährig davon leben, von den ländlich-bayrischen Säufer-Gruppen bis zu den norddeutschen Krawall-Burschen, und alle lassen eine Menge Geld auf der Strecke … für oft eher peinliche Szenen.

Nun schließt sich auch noch eine les-bi-schwul-queere Karriere-Messe an, die schon vor Jahren zu ruhigeren Zeiten in München startete, aber die letzten Jahre mehr in Berlin und zukünftig im Internet zu Hause ist: Neue Business- Szenen.

Von Harvey Milk zu Sticks&Stones

9783924163358-de-300„Milk“nannte sie sich früher: Der erste offen schwule Bürgerrechtler in San Francisco, war Stadtrat und zusammen mit dem Bürgermeister am 27.11.1978 von einem Rechten erschossen worden. Die Karriere-Messe, die sich seit vielen Jahren auch öffentlich für die gleichen Rechte aller Mitarbeitenden einsetzt, wird von allen größeren und internationalen Firmen gefördert und hat sich weiter entwickelt:

Bewerbungs-Betreuungen und Firmen-Vorstellungen, Vorträge von Coaches, Hochschul-Mitarbeitenden und Führungskräften, aber auch szenen-gemäßes Feiern: Die jungen Initiatoren stehen dafür.

München: Offen schwul?

Der CSD, als Christopher Street Day in Erinnerung an die Aufstände der militanten Tunten gegen die Polizei-Übergriffe in der New Yorker Christopher Street inzwischen in ganz vielen Städten und seit ca1980 auch in München gefeiert, ist dieses Jahr wieder etwas übersichtlicher geworden, die Angst, auch vor schwulen-feindlichen Übergriffen nimmt wieder zu. Die Szenen werden intern aber bunter.

In manchen Bereichen hatte die Angst kaum abgenommen:

In der katholischen Kirche und in den bayrischen Behörden, in Schulen, in konservativen Familien, Kreisen und reaktionären Burschenschaften, es ist immer eine mutige Herausforderung, die nicht leicht alleine zu schaffen ist.

Heimliche Szenen gab es dafür immer: Stadtpfarrer im Schwulen-Verein, Auftritte bei Kirchentagen …

Vor 150 Jahren Karl Heinrich Ulrichs

beim Juristentag in München, das damals grade keine rechtliche Schwulen-Verfolgung kannte, bis dann preußisches Recht durch die Reichs-Einigung aufgedrückt wurde …

vor 110 Jahren das Wissenschaftlich-Humanitäre Commitee

mit Magnus Hirschfeld in Berlin, hatte auch eine Münchner Gruppe von Abonnenten  und Diskutierende der Fachzeitschrift „Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen“, doch wurde  Magnus Hirschfeld schon 1920 in München durch „völkische Rowdys“ schwer verletzt; Zeitungen meldeten sogar schon seinen Tod, und er konnte seine eigenen Nachrufe lesen.

Karl heinrich Ulrichs OdeonErnst Röhm konnte bis 30. Juni 1934 mit seinen schwulen schlägernden SA-Freunden am Tegernsee feiern, doch mit der „Nacht der langen Messer“ ließ ihn Hitler mit etwa 100 anderen früheren „Freunden“ umbringen. Im Herbst begann dann die systematische Verfolgung durch die Polizei, die bis in die späten 1960er Jahre weiter ging:

Konzentrationslager, Rosa Winkel, Rosa Listen und Erpressungen sind bekannt.

Der Postfaschismus diskriminierte weiter

In der BRD und in der DDR ging das Unrecht in der seltsamen Verwirklichung der Nazi-Träume in spießiger Form weiter, wurde unter „Sittlichkeit“ schwammig begründet, wie früher unter „Erregung öffentlichen Ärgernisses“, und die Nazi-Theorien der Ansteckung und Verführung wurden auch in den Kirchen weiter erzählt.

Heimliche Szenen konnte es nur in Nachbarschaften, Sportvereinen etc. geben.

Anfang 1970 studentische Gruppen und Rosa von Praunheim

forum homosexualität und geschichte „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Verhältnisse, in denen er lebt.“ Ein unmöglicher Filmtitel mit enormer Wirkung, andere Filme waren meist noch zensiert, wie „Die Konsequenz“, und in Garagen als Teestuben, in einem Haidhauser Schuh-Keller trafen sich die verschüchterten bürgerlichen Fummel-Trinen, erste Lederkerle, studentische Beratende und Freizeit-Gruppen, party-feiernd und wild diskutierend, ob man sich selbst „schwul“ nennen oder lieber homophil, ob man so provozierende Blättchen drucken soll und Infostände macht.

Feminismus und lesbische Frauenrechte?

Auf der weiblichen Seite entwickelte sich gleichzeitig die Emanzipation von ehelicher Bevormundung bis zum Kampf gegen die Abtreibungs-Bestrafung, und ein paar lesbische und schwule Lokale entstanden in den leeren Kneipen der Müllerstraße, die vor der Olympiade noch der historische Strich gewesen war, jetzt galt der Sperrbezirk bis zum Mittleren Ring.

„Mord im Homo-Milieu“

war die erste abgedruckte Form dieses Wortes als Schlagzeile, ein Stricher hatte den von Hausfrauen geliebten Radio-Macher und Volksschauspieler Sedlmayer erschlagen, Jahre später einer den Mosi erdrosselt, ansonsten war es das HOMO-Milieu bis zu HOMO-Ehe, aber das Wort „schwul“ kam erst nach den Aids-Nachrichten öffentlich vor.

Da hatte Bayerns CSU auch sofort neue Schlagzeilen zu liefern: Gauweiler wollte alle Saunen schließen, alle Beamten testen und alle Betroffenen tätowieren … und auf eine Insel?

Das große Sterben – durch Antibiotika?

Der solidarische Umgang mit Aids forderte die schwulen Gruppen und qualifizierte die Beratung, nicht so sehr die les-bi-schwule Zusammenarbeit, die politische Durchsetzung zuerst bei den Grünen, dann als Rosa Liste.

Die Medien ziehen allmählich mit

Durch die wissenschaftliche Unterstützung der gesundheitlichen Aufklärung zogen allmählich auch die Fernseh-Serien mit und brachten Lebens-Umstände von Lesben und Schwulen, bringen allmählich auch bisexuelle Fragestellungen, auch über die Stars hinaus, denen die Gerüchte den Fankreis erweitern.

Szenen der Peinlichkeit

Die CSU München ist mit einem Bürgermeister beim CSD dabei, stimmt aber dann im Bayrischen Landtag gegen die dort geforderten Lesben- und Schwulen-Rechte.

Vortrag bei stick&Stones am Sa 16.9.17

in der Mittagszeit im Muffatwerk werde ich eine Überarbeitung dieser Gedanken vorstellen, wird weiter ausgearbeitet, auch mit Bildern … auf www.fairmuenchen.de

heutige Entwicklungen

Die Begriffe Pansexualität und poly-amore Beziehungen sind in jungen Kreisen wichtiger geworden als die früheren Fetisch-Orientierungen, die eher den Austausch in festgelegten Identitäten und bestimmten sexuelle Orientierungen anstrebten.

Die Spiele wie „Game of Thrones“ haben ausgefeiltere Charakter, die eine Menge von Lebens-Erfahrungen transportieren, auch biografische Veränderungen als Normalität vermitteln.

Zu Bi, Jugendlichen, qties und gender-fluid, Trans-Mann und -Frau und inter* gibt es jeweils kleine eigene Szenen, wie die poly-amoren Kreise, Stammtische und Poly-Tanten …

forum homosexualität und geschichte

In den Ateliers von platform gibt es am 6.9. die Eröffnung einer Ausstellung mit aktuellen Postern auch zu historischen Kontexten: Mehr auf  www.forummuenchen.org

PLATFORM Kistlerhofstraße 70,  Haus 60,  3. Stock, 81379 München: Öffnungszeiten: Mo – Fr 10:00 – 17:00 Uhr> Mehr Infos

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inter* ist viel mehr als wechseln …

Das Sternchen*,

das immer mehr Menschen in ihre diversen Anreden und Bezeichnungen von Geschlecht und Orientierung einfügen, LGBT*I oder queer* soll den Platz für den möglichen Wandel oder „das noch nicht bezeichnete“ markieren. Inter* ist ein Lebens-Zustand.

Ein spannendes Fachgespräch der Grünen im bayrischen Landtag brachte die Spannungsfelder der Medizin und des gesellschaftlichen Denkens zu den Interessen der Betroffenen in die politische Ebene.

Es fehlt aber noch an Selbstorganisation vor Ort, denn das Internet ist reich und vielfältig, aber nur eine vituelle Hilfe, wo menschliche Beratung, Erfahrung und Expertise gebraucht wird:

Identität und Geschlechtsmerkmale, Chromosomen und Hormone, dutzendweise Ansätze und Erklärungsmuster, Gesetzesvorschläge und „DSD“ (disorder sexual development) Leitlinien: Disorder und „Störungen“ sind aber nur Kassen-relevant, nicht Identitätsstiftend.

Die Vielfalt der jeweiligen Abweichungen in Chromosomen-Wirkung, Hormonspiegel und Wohlergehen erfordert gute Koordinationen in der Selbstorganisation. Die Medizin bearbeitet nur den einzelnen Fall.

So weit die Fortschritte und die damit verbundenen Hoffnungen.allerseelenhimmel

Die bayrische Realität

würde ich heute immer noch anders formulieren:

Es gibt nur ein Geschlecht, und das herrscht.

Das weniger Wertvolle, nicht zu Priesteramt und männlicher Erbfolge berechtigte, und seine diversen Abweichungen, sollen erst mal still sein.

Aus wahlkampftechnischen Gründen können weniger wertvolle (fe-male) Personen in Ämter und Listen aufgenommen werden, sollen sich aber anständig anziehen und zurückhalten.

Stammhalter und Büchsenmacher sind Traditionsbegriffe unserer Heimat.

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inter* ist kein Geschlecht

sondern ein Zustand, der von Geburt her (und vorgeburtlich) erst einmal akzeptiert werden soll, und keinesfalls abgetrieben oder sterilisiert werden darf. „Geschlechtsangleichene“Operationen bedürfen einer Zustimmung, wenn sie nicht wirklich medizisch zum Überleben notwendig sind.

Zwischen 1 von 1000 oder 1 von 10.000 Geburten mit „Anomalien“ liegen die Schätzungen, und 95% Operationen bingen 84% mit weiblichem Ergebnis. Die innere Entwicklung bringt dann oft erst die Probleme.

Geburtsvorbereitung

und Schwangeren-Beratungen, Hebammen und Beratungsstellen sind am nächsten dran, wenn sich junge Leute mit Kinderwunsch und Schwangerschaft auseinandersetzen, und schon dort sollte die Frage eines „Wunschgeschlechtes“ problematisiert werden.

Eltern, Erziehende und Schule

brauchen ein paar schlichte Hilfestellungen, um das generelle kindliche Selbstbestimmungsrecht gegen die übertriebene Fürsorge abzugrenzen:

Es gibt alle verschiedenen Geburts- und Lebensformen, die vorHERRschenden sind nicht Norm, sondern altbackene Gewohnheit.

richard-john-jones

Selbsthilfe kann der Medizin helfen,

zu lernen, wie die Beratung zur Selbstbestimmung in allen geschlechtlichen, körperlichen, organischen, hormonellen oder verändernden Behandlungen und Eingriffen zu erfolgen hat.

Brüche können Räume öffnen

In der Migration ist die gesamte sexuelle Thematik von Orientierung bis Lebensformen als Transfer zu bearbeiten: Was sagen Herkunftskulturen und Religionen, was die Aufklärung und die Demokratie?

Wie geht das Lernen, das Thematisieren von Interessen, Unterschieden und Veränderungen, welche sprachlichen Horizonte kann uns die Literatur und Kunst öffnen?

Liebe hatte viele Kulturen …

und schon die Umgangsweisen mit divers Behinderten bringt ganz schnell die Hilf- und Sprachlosigkeit zu Tage, wenn es um Sexualitäten und Rechte geht.

Die Forderung nach Sexualbegleitung kommt vor allem aus dem Erleben von spät oder durch Unfall behindert gewordenen Menschen.

Das Recht, ein andere* zu werden

hieß ein spannendes  Buch der evangelischen Dichterin und Theologin Dorothee Sölle. Im Original der 70er Jahre hieß es natürlich „anderer“. Sie leitete biblisch ab, dass wir uns verändern dürfen, zu werden, was wir noch nicht sind … vom Exodus als Ausweg aus einer Unterdrückung.

Sie kann uns vielleicht zu den spannendsten Bruchstellen begleiten: Ich denke an Träger wie die kirchlichen Frauenbünde und Landfrauen-Organisationen, die pragmatisch mit den Kinder-kriegen-Themen verbunden und am Aufwachsen ihrer Jugend informiert sind.

Jugendverbände können dort ihre Interessen und Unterstützungen einbringen, und im intergenerationen – und interkultur-Lernen neue Dimensionen öffnen.